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Zum vorgetragenen Text
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Unsere Muster sind Modelle. Die Analysen zeigen es ja. Sie treiben uns aneinander, wenns sein muß mit Schlägen sogar, den Symbolgehalt des Gelebten zu bezeugen. Jedem ist eine bestimmte Kreuzigung eigen, denn im Staat der Gottesdiener erziehen wir uns täglich zu einem sich stets verjüngenden Heiland beiderlei Geschlechts, dessen Leiden derart einleuchtend ist, daß es kaum mehr nötig erscheint, denn es passiert ja, als Prägung. Stichwort Biographie.

Wir können nicht wissen, was einer wirklich erlebt hat. Kaum weiß er es selbst. Jeder vermutet den Abgrund. Jeder kennt ihn und schweigt, wenn sich die Augen verschleiern. Ein ahnendes Vehalten.

Grossansicht

Nur dann immer die mit dem Hecheln. Intelligenz als Arroganz. Die Draufsicht als Einsicht, borniert, denn von wegen wir wissen Bescheid. Alles in Wissen zerlegt. Und doch bleibt ein Rest, der kommt manchmal als Zweifel an dieser eingebildeten Kompetenz. Es gibt Probleme, die kann keiner lösen. Es lebt sich damit wie mit Bildern, die eindeutig sind. So klar in der Kälte ergibt sich die Frage einzig aus ihrer Unbeantwortbarkeit. Schließlich ist man ja dennoch messerscharf vertrauensseelig wie ein eiskalter Spielzeugsoldat mit grad so viel Standfläche wie nötig. Man will es zerstieben, wie man die Asche vom Tisch bläst. Zerstieben das tägliche Weh. Wir haben nichts zu verlieren. Wir kennen Menschen, die früh nur das Unglück erleben, bevor sie sich der Notwendigkeit opfern, andere in dieses Leben zu ziehen, und zwar ohne Nachtrag. Wir sehen doch, was hinter den Dingen liegt, die Jagdgründe, die ewigen muß es wohl heißen. Wer könnte sich davon nicht überzeugen lassen.

So stehen wir da wie eine Hund, der den Kopf dreht. In der Hand die zerbrochenen Würfel, die wir vor Zeiten aus dem Fels herausgesprengt haben, um die Glücksformel in unseren Griff zu bekommen. Jeder ein Inneres in sich und um sich ein Landstück, das fleht um Gefühl. Problematisch, eine Verständigung zu versuchen, obwohl wir sie doch ahnen von klein auf an, weil angeblich die Netzwerke stimmen. Momentweise stimmen sie wirklich, und insofern glauben wir sagen zu dürfen: Schalten Sie die Geräte für einen Augenblick ab. Gedenken Sie, denn so schnell stirbt kein Gequäter. Er hält sich, damit sie an ihn glauben, denn wenigstens glauben müssen Sie ja. Es ist an der Zeit. Und derart sollten sie dann die Terrasse betreten, an der dieser geradezu unendliche Verkehr vorübergeht. Besser noch, Sie gehen hinunter und reihen sich ein, wählen die Richtung, die aufgrund Ihrer geradezu intimen Diplomatie weder Ihnen noch Ihrem Umfeld zuwiderläuft, denn Sie sehen, daß es geht. Es geht mit Ihnen, geht an Ihnen vorbei in stillem Einvernehmen, es ist sichtbar in jedem faßbaren Blick, der jene Unfaßbarkeit bezeugt, die man Realismus nennen möchte.



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Die Profanierung der gestifteten Welt.Wir haben das ja alles nur vorgefunden. Glühende Mißverständnisse, die den Nahkampf beflügeln, einen Hunger anderer Art, denn jetzt, da wir uns so verschlungen haben, merken wir erst, wie abgrundtief schwierig wir sind. Deshalb zum Schutz das Profane – Heimholung aus dem heiligen Land. Die Rechnung kommt pünktlich am Monatsbeginn. Und man ist drahtlos gebunden an einige seltene Exemplare, einige Gestalten aus der richtigen Realität, die täglich und nächstens nach dem Befinden fragen. Aber so viel Befinden kann doch gar nicht sein? Nur eben die Katastrophen der kleinen Welt. Die Gäste im Zimmer und das Essen schwarz wie die Nacht. Die Wasservorräte am Ende und der Getränkemarkt in großer Entfernung. Immer steht der Ausgang in Flammen. Nie kann man heraus aus der nährenden Pflicht.

Doch dann diese andern, diese ständig Bedrohten, fast Hinübergegangenen schon, mit wieviel trotziger Demut sie das Einfache schildern, denn sie wissen, nichts ist zu beachten, und beachten es deshalb, denn nichts ist wirklich wider sie in den verbliebenen Räumen bis auf den Umstand, daß ihnen die Grenze wahrscheinlich nah schon bevorsteht. Bis dahin kann sie keiner mehr richten, weil sie ja meinen zu zeigen, daß alle Habgier nur Lüge sei... Auf Wunsch zahlt die Kasse im voraus, um noch einmal eine Besichtigung des Planeten zu finanzieren. Ruhig zieht das Schiff seine Bahn. Man geht ja nur ungern, aber wenns sein muß: Der Blick vom Bett in den Garten. Das Bett gesäumt von denen, denen der letzte Händedruck gilt, um die letzte Verlassenheit zu besiegen...



Später

Vor lauter Hoffnung die Ankunft verpaßt, höhnt das Spektakel. So sieht es aus, und das nur, weil Du dauernd an die Würde der Hilfe geglaubt hast. Diese innere Hektik der Ruhephasen. Du spürst genau, daß die Welt gar kein Ziel hat, sondern nur Raum gibt für ein paar Jahrzehnte Erfahrung. Das trägt sich weiter von Mal zu Mal. Doch ständig dieses offenbare Thema zu meinen ist sicher belanglos. Also lassen wir das. Der Krieg ist vorbei, die Armut vergänglich. Die Sonne scheint auf den bescheidenen Schlafplatz im Zimmer mit Fenster zum Hof – zum Friedhof, der freundlich Dein Gehege begrenzt. Du hast noch Zeit, viel Zeit für den Traum von Vollendung. Den Spott schließt das aus, wie wir wissen. Und was Du zurückläßt, steigt in den Fluß und leitet das Treibgut ans Ufer, wo es gelassen getrocknet gehört und den künftigen Finder zu beglücken versteht, denn er darf an den Spuren, die jemand wie Du hinterläßt, die Fehler im Bild zu verwandeln. Die Zeit gibt ihm recht. Wer dieses verschläft, verpaßt seinen Anfang.


aus: Johannes Jansen. Im Durchgang. edition suhrkamp. 70 Seiten. Broschur.
€ 7,- ISBN 978-3-518-12568-7 Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. Seiten 13-17, 71.


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von:A.Reinert
online seit 11.05.2009









  
      









































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